| Mein lieber Leser, Der
Geist der Weihnacht oder In einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat? Unsere
Familie zeichnete sich nicht als großer Kirchgänger aus, aber für
uns Kinder war die Möglichkeit den Kindergottesdienst zu besuchen immer auch
eine Flucht aus den häuslichen Aufgaben. Gerade sonntags standen so unangenehme
Aufgaben wie "Badezimmer sauber machen" oder andere ungeliebte Hilfsdienste
auf dem Programm. Aber es gab eine, von unserer Mutter aufgestellte, eiserne Regel: Punkt
12 Uhr gab es Mittagessen. Da war schon viel Neid auf unsere Freunde, die nach
dem Gottesdienst noch locker Zeit für ein Eis hatten oder für einen
Schwatz - nur wir, wir mussten pünktlich um 12 Uhr zu Hause sein.
Ich
weiß, das ist Gejammer auf hohem Niveau - wir hatten liebevolle Eltern und
heute sehnen sich ja viele nach Regeln. In unserer Kirchengemeinde, in einer kleinen
niederrheinischen Stadt, war ein Heim für Ausländer - das Wort "Heim"
vermittelt nicht wirklich einen realistischen Eindruck über Männer aus
aller Herren Länder, die aus den verschiedensten Gründen Zuflucht in
Deutschland suchten. Deren Lebensbedingungen waren für uns abenteuerlich
und es war strengstens verboten sich in der Nähe dieses "Heims"
aufzuhalten - in der Sprache unserer Eltern hieß dies "herumtreiben". Unter
diesem zusammengewürfelten Haufen waren einige Koreaner, die aus politischen
und religiösen Gründen ihr Land verlassen mussten. Sie arbeiteten im
Bergbau und suchten über unsere Kirchengemeinde Anschluss. Ich weiß
noch genau, dass ich einmal in diesem "Heim" war und recht eingeschüchtert
durch die finster dreinblickenden Männer, Schutz bei unseren koreanischen
Freunden suchte. Sie waren sehr gebildet, konnten Klavierspielen und zu unserer
größten Freude waren sie Cracks beim Tischtennis. Durch sie habe ich
den einen oder anderen Kniff gelernt, den ich noch heute beim Spielen anwende.
Und hier war es auch, dass ich meine ersten englischen Worte lernte und selbst
Deutschunterricht gab. Sie nahmen uns ernst und waren äußerst liebevoll.Nun
war es ja in deutschen Familien nicht so gang und gäbe, Fremde zu sich einzuladen
und das zu Weihnachten. Das hatte gar nichts mit der Nationalität als vielmehr
mit der Einstellung zu tun, dass Weihnachten ein Familienfest sei. Nun hatte es
sich aber ergeben, dass wir zu drei unserer koreanischen Gemeindemitglieder
ein besonders gutes Verhältnis hatten. Da war es ein Leichtes, unsere Eltern
davon zu überzeugen, dass es unser größter Weihnachtswunsch sei,
diese drei Männer zu uns einzuladen. Nun muss ich ja nicht erzählen,
welche Aufregungen es gab, gerade was das Essen anging. Und unsere Mutter, eine
hervorragende Köchin, versuchte das Weihnachtsessen auch für koreanische
Mägen erträglich zu machen. Wir haben nun nicht nur Weihnachten mit
ihnen verbracht, sondern auch unsere darauf folgenden Geburtstage und noch ein
Weihnachtsfest. Und noch heute bin ich stolz auf unsere Eltern, die alle Vorurteile
über Bord geworfen haben und sich "Fremden" öffneten. Und
dies ist mein größer Weihnachtswunsch, dass die Toleranz anders denkenden,
anders Aussehenden gegenüber zunimmt und wir unser Herz dafür öffnen. Deine
Anna > nach oben
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